{"id":1577,"date":"2022-04-22T21:20:58","date_gmt":"2022-04-22T19:20:58","guid":{"rendered":"https:\/\/bielefelder-friedensini.de\/?p=1577"},"modified":"2022-04-22T22:08:14","modified_gmt":"2022-04-22T20:08:14","slug":"rede-simon-anhut-ariwa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bielefelder-friedensini.de\/?p=1577","title":{"rendered":"Rede Simon Anhut ARIWA"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte zuerst einmal Danke sagen: Vielen Dank allen, die heute hier sind, allen, die in diesen Zeiten dem Frieden eine Chance geben, indem sie Gefl\u00fcchtete aufnehmen oder Desinformation bek\u00e4mpfen. Ich m\u00f6chte mich auch bei allen bedanken, die \u00fcber die offensichtliche Grausamkeit des Krieges hinaus andere Aspekte anprangern, wie die rassistische Einteilung in Fl\u00fcchtende erster und zweiter Klasse, an den Grenzen wie hier im Land. Vielen Dank nicht zuletzt an das Orgateam, dass sie diese Demo auf die Beine stellen und dass ich heute hier sprechen darf.<br>Ich bin von Haus aus Tierrechts- und Umweltaktivist. Was hat das mit Frieden zu tun? Bomben machen keinen Unterschied zwischen Spezies. Explodierende \u00d6l- und Gas-Pipelines zeigen die schlimmste Seite fossiler Energie. Und ohne Frieden werden wir schwerlich unser Verst\u00e4ndnis von Frieden weiterentwickeln, um Nichtmenschliche und Natur einzuschlie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erfreulicherweise existiert in der Tierrechtsbewegung ein breiter Konsens, dass Tierrechte Menschenrechte umfassen<br>und dass Frieden, Arten- und Klimaschutz Teile des Ziels der Bewegung sind. Auf der einen Seite muss ich als Tierrechtler das Ausma\u00df des Leidens und Sterbens im Krieg ansprechen, das so sonst kaum benannt wird. Es ist ersch\u00fctternd, \u00fcber verminte Fluchtwege zu lesen, \u00fcber tausende zivile Todesopfer in der ukrainischen Bev\u00f6lkerung \u2013 und ebenso \u00fcber junge<br>russische M\u00e4nner, die zum Teil gar nicht wissen, dass sie in den Krieg geschickt werden, bis sie im Kampf sind. Es ist aber auch erschreckend, sich vorzustellen, von wie vielen Opfern nicht berichtet wird: Wie viele Haustiere zur\u00fcckgelassen werden und verhungern, den Bomben zum Opfer fallen oder hungerleidenden Menschen in belagerten St\u00e4dten, die sich nicht anders zu helfen wissen. Wie viele frei lebende Tiere Leben oder Lebensraum verlieren \u2013 und das ja nicht nur im Krieg selbst, sondern schon bei milit\u00e4rischen \u00dcbungen bis hin zum Atomwaffentest. Vor wenigen Tagen gab es in Tschernobajew 4 Millionen Kriegsopfer auf einen Schlag. Russische Streitkr\u00e4fte hatten die Stromzufuhr einer H\u00fchnerfabrik abgeschnitten. Die Tiere sind erstickt. Wir m\u00fcssen von den menschlichen Todesopfern erfahren. Aber es ist ern\u00fcchternd, dass, wenn die Medien von \u201eTodesopfern\u201c sprechen, niemals auch nur der Gedanke aufkommt, nichtmenschliche Opfer mit zu erw\u00e4hnen, selbst wenn sie nicht z\u00e4hlbar sind. Als w\u00fcrden sie nicht sterben. Als w\u00fcrde mit ihnen irgendetwas anderes geschehen. T\u00f6ten wir schlicht zu viele von ihnen, als dass unser Mitgef\u00fchl noch funktionieren w\u00fcrde? Wie viele landen allein f\u00fcr das Osterfest auf unseren Tellern? Auch in unseren W\u00e4ldern und auf den Meeren toben Kriege gegen Wehrlose, die t\u00e4glich so viele Opfer z\u00e4hlen wie Menschen die Erde bev\u00f6lkern. Wenn wir aber davon sprechen, begegnen wir immer noch dem Vorurteil, wir wollten Menschen abwerten oder in ihren Rechten beschneiden, weil wir ihren Anspruch auf Bratwurst infrage stellen. Dabei haben wir darauf hingewiesen, dass die Tierproduktion ein Hauptfaktor von Klimakrise und Artensterben ist, bevor Fridays for Future sich gr\u00fcndete. Wir haben Welthungerdemos veranstaltet, die anprangerten, dass zum Teil 16 kg Getreide f\u00fcr die Erzeugung von 1 kg Fleisch verschwendet werden, 13 Jahre bevor Entwicklungshilfeministerin Schulze jetzt wegen der ausbleibenden Getreideernte der Ukraine appellierte, Fleischkonsum zu reduzieren, um den immer schlimmer werdenden Welthunger zu bek\u00e4mpfen. Und nein, uns hat es auch nicht \u00fcberrascht, dass es ausgerechnet Schlachtgigant T\u00f6nnies war, der wieder einmal Negativschlagzeilen machte, weil er an der polnisch-ukrainischen Grenze Gefl\u00fcchteten quasi das Angebot machte: Arbeitet in unseren Schlachtfabriken, dann holen wir euch vom Schlachtfeld. Schon, Tolstoi, Autor von \u201eKrieg und Frieden\u201c, soll gesagt haben: \u201eSolange es Schlachth\u00e4user gibt, wird es Schlachtfelder geben\u201c.<br>Der Gedanke dahinter ist einfach: Legitimieren wir einmal Gewalt allein damit, dass wir etwas besitzen wollen, wird man es sich auch an anderer Stelle so einfach machen. Wenn es f\u00fcr Anspruch auf einen kurzen Moment des Gaumenkitzels legitim erscheint, einem Leben die Freiheit, die k\u00f6rperliche Unversehrtheit, die Sonne und die Luft und letztlich das Leben zu nehmen, was m\u00fcsste dann erst legitim erscheinen f\u00fcr den Anspruch auf ein Land? Manche werden noch bei all diesen Ausf\u00fchrungen einwerfen: Aber es sind doch noch Tiere. Es sind doch keine Menschen. Ich sage, genau da liegt der Fehler. Als die Gr\u00e4ueltaten im ukrainischen Butscha ans Licht kamen, war von den \u201eButchern von Butscha\u201c die Rede. Das Englische unterscheidet nicht zwischen \u201eSchl\u00e4chter\u201c und \u201eSchlachter\u201c. Vitali Klitschko \u00e4u\u00dferte, die russischen Soldaten h\u00e4tten \u201eeine Safari auf Zivilisten\u201c gemacht. Begegnen uns solche Metaphern zuf\u00e4llig \u2013 oder weil sie als omnipr\u00e4sentes Modell dienen, wie man mit Leben umgehen kann, dem man geringeren Wert beimisst? Entwertet ist Leben schnell, ob auf russischer Seite mit Entnazifizierungsrhetorik oder auf ukrainischer im Angesicht der Gr\u00e4ueltaten. Schnell hei\u00dft es \u00fcber die Feinde, sie seien \u201ekeine Menschen\u201c. Wenn sie keine Menschen sind, liegt die Assoziation nahe: sie gelten als Tiere. \u00dcber Tiere haben wir gelernt, dass sie weniger wert sind. \u00dcber Tiere haben wir gelernt, wie mit ihnen umzugehen ist, wenn sie sich nicht \u201ebenehmen\u201c. \u00dcber Tiere haben wir gelernt, dass es in Ordnung ist, sie zu t\u00f6ten.<br>Ich will mich hier nicht hinstellen und so tun als w\u00fcrde es den Ukrainekrieg oder irgendeinen anderen Krieg auf der Welt beenden, wenn wir uns nur in tierethischen Fragen weiterentwickelten und auf eine biovegane Lebensmittelproduktion hinsteuerten. Selbst wenn wir umfangreiche Tierrechte etabliert h\u00e4tten, zeigt uns die Wirklichkeit des Umgangs mit Menschenrechten doch wie allzu leicht grundlegende Rechte mit F\u00fc\u00dfen getreten werden. Die Wahrheit ist aber auch: Ich habe keine L\u00f6sung, um morgen alle Kriege zu beenden. Und ich vermute, das geht uns allen so. Wir k\u00f6nnen uns von dieser Einsicht ohnm\u00e4chtig erdr\u00fccken lassen. Oder wir befassen uns mit Pr\u00e4vention. Wenn wir tats\u00e4chlich von unserer eigenen Spezies erwarten wollten, sich dahingehend weiterzuentwickeln, dass Kriege eines Tages nicht mehr als Option erscheinen, dann m\u00fcssten wir grundlegend Dinge ver\u00e4ndern. Maria Montessori sagte: \u201eAlle reden vom Frieden, aber niemand erzieht zum Frieden\u201c. Sie problematisierte damit den Wettbewerb, der die Sozialisation und das Leben der Menschen durchzieht und forderte Zusammenhalt und Solidarit\u00e4t. Ich denke, je weniger Grenzen unsere Solidarit\u00e4t kennt, desto mehr Chance auf echten Frieden werden wir erleben. Manche Menschen fragen: Haben wir gerade keine anderen Probleme? Ich sage: Wir stehen mitten im schlimmsten Artensterben aller Zeiten. Die Erderw\u00e4rmung hat in Deutschland bereits 1,5 Grad \u00fcberschritten. Wir haben ein maximales System der Gewalt gegen sogenannte Nutztiere errichtet.<br>Demokratische Systeme weltweit sind auf dem R\u00fcckzug. Die Arktis schmilzt, der Permafrost taut. Welthunger, D\u00fcrren und Wasserknappheit versch\u00e4rfen sich. Die Frage ist die richtige, aber stellt sie den richtigen Adressaten. Fragt Putin. Fragt Scholz mit seinem 100-Milliarden-Aufr\u00fcstungspaket. Fragt alle Kriegstreiber: Haben wir gerade keine anderen Probleme?!<br>Ich m\u00f6chte diese Rede genauso beenden, wie ich letztes Jahr meine Rede bei der Demonstration f\u00fcr die Schlie\u00dfung aller Schlachth\u00e4user beendet habe \u2013 die \u00fcbrigens auch dieses Jahr im Juni wieder stattfindet und zu der ich herzlich einlade.<br>Es gibt keinen Frieden, wenn es kein Frieden f\u00fcr alle ist. Es gibt keine Gerechtigkeit, wenn es keine Gerechtigkeit f\u00fcr alle ist. Es gibt vielleicht keine Zukunft, wenn es keine Zukunft f\u00fcr alle ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich m\u00f6chte zuerst einmal Danke sagen: Vielen Dank allen, die heute hier sind, allen, die in diesen Zeiten dem Frieden eine Chance geben, indem sie Gefl\u00fcchtete aufnehmen oder Desinformation bek\u00e4mpfen. 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