„Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben“

(Part 1, von Ute Esselmann)

Liebe Anwesende,

mit mir sprechen wird Alex Kalteis, engagiert in linken Bewegungen und für Tierrechte. Mein Name ist Ute Esselmann, ich bin aktiv u. a. bei Bielefeld Animal Save. 

Wir sprechen hier als Jung und Alt, die ein Ende aller Kriege herbeisehnen und an die Opfer dieser Kriege – Menschen und Tiere – nicht ohne Schmerzen denken können. 

Contra jede Ohnmacht möchten wir einen Vorschlag machen, wie die Menschheit friedlicher werden kann. Der Leitsatz unserer Rede: „Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben“, Leo Tolstoi zugeschrieben.

Tolstoi – bestimmt haben Sie ein oder zwei seiner Werke in Ihrem Bücherschrank? 

Als junge Frau las ich „Krieg und Frieden“. Später las ich „Der Leinwandmesser“. Die Erzählung beschreibt den Niedergang eines Pferds vom bejubelten Traber zum fast zerstörten Klepper. Tolstoi versetzt sich in die Perspektive des geplünderten Tiers und lässt es folgende Sätze äußern: „Damals aber konnte ich gar nicht begreifen, was das eigentlich hieß, dass sie mich das Eigentum eines Menschen nannten. Der Ausdruck ´mein Pferd´ bezog sich auf mich, ein lebendiges Pferd, und kam mir ebenso seltsam vor wie ´mein Land´, ´meine Luft´, ´mein Wasser´…“ (1)

In den 80ern war ich Studentin der Psychologie. Ich bin keine praktizierende Psychologin, aber schon mein Leben lang denke ich nach über das Verhalten und Erleben der Menschen … und der anderen Tiere.

Ein Pferd kann nicht wirklich über den Eigentumsbegriff räsonieren. Aber ich kann es tun.

„Dein Leben gehört mir und nicht dir“ – was könnte anmaßender sein? „Dein Leben gehört mir und nicht dir“ – ist das nicht imperialistischer als alles andere sonst? 

Als Mensch wie als Psychologin weiß ich sicher: Gesundes Mitgefühl endet nicht an Spezies-Grenzen. „Dein Leben gehört mir und nicht dir“ – wer so denkt, pflegt ein großes Manko in Selbst- und Fremdwahrnehmung. (2)

Das, was wir Fleischerzeugung nennen, normalisiert Gewalt. 

Wo man Gewalt bestellt, weil das Ergebnis schmeckt, dort sorgt man dafür, dass opportunistische Gewalt noch lange nicht aussterben wird. Man legitimiert die Antwort der Skrupellosen: „Ich mache das, weil ich´s kann!“

Wir möchten vorschlagen, Gewalt aus der Welt zu vertreiben, indem wir sie den nichtmenschlichen Tieren endlich ersparen – und Kinder zum Frieden mit allen Lebewesen ermächtigen werden.

Kleine Kinder sehen Tiere nicht als Lebensmittel, sondern als potentielle Freunde, als „Du“. (3) Auch für das Kind, das ich selbst einmal war, lautet mein Argument: Kinder haben nicht verdient, in ein System von Lügen, Beschönigung und Ausbeutung hinein getrickst und indoktriniert zu werden, das Mitgeschöpfe umdeuten will zu Vieh. (4)

Der Oxford-Philosoph Daniel Butt rät Eltern, Kinder ohne Fleisch groß zu ziehen, um ihre Moralentwicklung nicht zu korrumpieren. (5) Der Psychologe Guido Gebauer, der lange Jahre Gerichtsgutachter war, belegt eindrucksvoll, wie Gewalt gegen Tiere den Weg bahnt zu noch mehr Gewaltbereitschaft. (6)

Tolstoi kritisiert: „Entsetzlich sind nicht nur die Leiden und der Tod der Tiere, sondern auch die Tatsache, dass der Mensch ohne alle Notwendigkeit sein Gefühl der Teilnahme und des Mitleids für andere lebende Wesen zum Schweigen bringt und sich selbst Gewalt antut, um grausam zu sein.“ (7)

Das Gegenteil von Ohnmacht heißt Selbstwirksamkeit – ein sehr heilsames Gefühl. Ich hoffe, Sie alle sehen und ergreifen diesen Hebel, mit dem Sie sofort etwas bessern und befrieden können.

(Part 2, von Alexander Kalteis)

Der Ausgangspunkt der Ethik, Leo Tolstois, war eine persönliche Lebenskrise.

Vor diesem Entwicklungsprozess stand ein anderer Mensch.

Tolstoi entstammte dem Adel des zaristischen Russland und frönte auch der Jagd. 

Doch nach dem Kontakt mit Krieg, Armut und Elend hinterfragte er sich und seinen Stand radikal.

Er revidierte seine Ansichten grundlegend, wurde Anarchist, Pazifist und Vegetarier. (8)

Die Gedanken Tolstois vom Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Tiere und der gegen Menschen möchte ich folgendermaßen darstellen: Wenn wir es schaffen, Lebewesen, die sich im Äußeren und in ihrer Körpersprache komplett von uns unterscheiden, wie z.B. Reptilien oder Vögel, das Leben zu schonen und Mitgefühl für sie zu empfinden, dann schaffen wir dies erst Recht bei Lebewesen, die uns ähneln, wie andere Säugetiere, und natürlich den Mitmenschen.

Denn menschliche Verhaltensweisen werden von einer Situation auf eine andere übertragen. (9)

Das gilt auch für den Umgang der Menschen mit den Tieren.

Zahlreiche Studien belegen, dass Serienmörder ihre Laufbahn in der Regel mit dem Quälen und Töten von Tieren beginnen und dann in der Steigerung zu Menschen übergehen. (10)

Hier offenbart sich eine Eskalation von Verrohung und Sadismus. 

Diese Logik wird seit jeher auch für den Krieg genutzt, so hatten bereits Philosophen der Macht wie Xenophon (11) und Niccolo Machiavelli (12) den Herrschern geraten, in Friedenszeiten jagen zu gehen, um sich auf den Krieg vorzubereiten. 

Die Jagd war schon immer Krieg gegen die Tiere, so wie im Krieg immer auch Jagd auf Menschen gemacht wird. 

Das erkennen wir schon allein daran, dass für die Jagd und für den Krieg dieselben Waffen und dieselben Strategien angewendet werden. 

Mit Beginn der Anwendung von Feuerwaffen wurden die ersten Bataillone und Kompanien bestehend aus Jägern aufgestellt, um ihre Erfahrungen zu nutzen. (13)

Eine aktuelle amerikanische Studie zeigt, dass über ein Viertel der US-Soldaten und Soldatinnen regelmäßig jagen geht. (14)  

Dabei geht es vielen Jägern und Jägerinnen nicht um den sportlichen Aspekt, wie das Anpirschen und Verstecken, denn dazu bräuchten sie keine Waffen und es geht auch nicht um das Schießen auf ein vermeintliches Objekt, denn dazu könnten sie auch auf die Schießbahn gehen. Manche geben an, dass sie ein Gefühl der Macht erleben. (15)

Und wo der Wille nach Macht ist, herrscht oft ein Gefühl der Ohnmacht, das es zu kompensieren gilt.

Dass auch immer mehr Frauen sich offen zur Jagd bekennen, ist kein Sieg des Feminismus wie es von der Jägerlobby gerne dargestellt wird, sondern im Gegenteil, eine Unterwerfung unter das System der Unterdrückung, welches das Patriarchat aufrechterhält. Dasselbe gilt für die Bereitschaft vieler Frauen, als Soldatinnen in den Krieg zu ziehen. Beides ist nicht die Eroberung vermeintlich männlicher Domänen, sondern einfach die Ausbreitung von Gewalttätigkeit auf einen größeren Teil der Gesellschaft. Manche FeministInnen haben dieses System entlarvt und kämpfen auch explizit für Tierbefreiung. (16)

Mahatma Gandhi, der seinen Pazifismus und seinen Vegetarismus aus der Ahimsa ableitete, der Lehre der Gewaltlosigkeit wie man sie im Jainismus findet,( 17) erkannte eine verwandte Seele und einen geistigen Lehrer in Leo Tolstoi: Sie führten eine intensive Brieffreundschaft und tauschten ihre Ideen aus. (18) Die Ausstrahlungskraft der Ethik Leo Tolstois beeinflusste also grenzübergreifend gesellschaftliche Bewegungen. (19) Ich erwähne das an dieser Stelle, da der Grund, dass wir eine Position der Tierbefreiungsbewegung in unserer Rede auf dem Ostermarsch präsentieren, dem Ziel folgt, eine Brücke zwischen den verschiedenen Bewegungen aufzuzeigen. Unser aller Ziel ist es, den Krieg zu beenden. Wir alle streben eine Welt ohne Gewalt an. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen alle Themen der sozialen Kämpfe und Bewegungen zusammengeführt werden. Egal ob Arbeitskämpfe, feministische oder queere Bewegung, der Kampf gegen Rassismus oder eben die Tierbefreiungsbewegung. Nur gemeinsam schaffen wir eine neue starke Antikriegsbewegung, die sich den Formen der Gewalt, der Ausbeutung und Unterdrückung von Mensch, Tier und Natur auf breiter Front entgegen stemmen kann.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Vegetarismus zurückkommen. Es gibt neben dem hier aufgezeigten noch viele weitere Gründe dafür, auf das Essen von Fleisch zu verzichten, den menschengemachten Klimawandel (20) , den Welthunger (21) , die Zerstörung des Regenwaldes (22) oder die Trinkwasserknappheit. (23) Aber es gibt keinen einzigen rationalen Grund mehr, Fleisch zu essen und dafür Lebewesen zu töten. Deshalb ende ich diese Rede mit einem Zitat, welches dem griechischen Philosophen und Mathematiker Pythagoras zugeschrieben wird: “ Solange Menschen Tiere massakrieren, werden sie sich auch gegenseitig umbringen!“ (24)

Quellen:

(1)

Zitat aus „Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen“, S. 53. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2010.

(2) 

Vgl. die Professorin emer. für Psychologie Barbara Smuts „Mein eigenes Leben hat mich überzeugt, dass die Einschränkungen, denen die meisten von uns in ihren Beziehungen mit anderen Tieren begegnen, nicht deren Unzulänglichkeit widerspiegeln, wie wir so oft annehmen, sondern unsere eigene begrenzte Auffassung darüber, wer sie sind und welche Art von Beziehungen wir zu ihnen entwickeln können.“ Zitiert nach Mark Bekoff, „Das unnötige Leiden der Tiere“, S. 159. Herder 2001.

(3)

https://www.surgeactivism.org/articles/we-teach-children-to-be-speciesist-and-eat-animals-finds-new-study

(4)

Vgl. die Theologin Dr. Simone Horstmann zu „permanenten Versuche[n], dem Leben von Tieren die Bedeutung zu entziehen, ihr Sterben zu trivialisieren und die religiöse Maschinerie der Schlachthöfe weiter zu füttern“: https://media.4-paws.org/f/2/9/a/f29a31b62e990df549be746a499b6de07169bcc6/vortrag_simone_horstmann_20210603.pdf, S. 4

Vgl. die Theologin Prof. Dr. Julia Enxing: „Ihr sollt Veganer*innen sein“, https://www.deutschlandfunk.de/ihr-sollt-verganer-innen-sein-die-theologin-julia-enxing-dlf-a630a60f-100.html

(5)

https://philarchive.org/archive/BUTCTYv1

(6)
https://www.vegan.eu/tierschlachtung-als-katholische-jugendarbeit/

(7)

In „Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen“, S. 58. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2010.

(8)

Vgl. Bauer, Johann: Tolstoi als Kritiker der Gewalt. In: Verlag Graswurzelrevolution (Hg.): „Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen.“ Heidelberg. 2010, S.35 ff.

(9)

https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/nf-2016-0056/html?lang=de

(10)

(11)

(12)

https://www.projekt-gutenberg.org/machiave/fuerst/chap016.html

https://www.uni-frankfurt.de/71102656/Borgards_2013

(13) 

https://www.truppendienst.com/themen/beitraege/artikel/jaegertruppe-geschichte-und-ursprung#:~:text=Die%20ersten%20J%C3%A4gerformationen,-Der%20Hauptgrund%20f%C3%BCr&text=Ihre%20Geschichte%20begann%20mit%20Berufsj%C3

(14)

(15)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/pauline-de-bok-beute-der-machtrausch-einer-jaegerin-100.html

https://taz.de/Beliebte-Jaegerei/!5023487/

https://www.zeit.de/wissen/2015-08/jaeger-beziehung-tier-mensch-grosswildjagd-afrika-cecil/seite-2

(16)

(17)

https://vegan.com/info/ahimsa/

(18)

Vgl. Bauer, Johann: Tolstoi als Kritiker der Gewalt. In: Verlag Graswurzelrevolution (Hg.): „Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen.“ Heidelberg. 2010, S.35 ff.

(19)

Vgl. ebd.

(20) 

(21)

(22)

(23)

https://wfd.de/thema/fleisch-milch

(24)

https://www.animal-spirit.at/themen/vegetarisch-leben/zitate-ber-hmter-vegetarier